Der heilige Josemaria Escriva de Balanguer wurde einmal nach der Bedeutung des Judentums für ihn befragt. Er antwortete:" Ich verehre eine Jüdin - Maria."

Wir sind mit Maria vertraut, wir beten vielleicht sogar regelmäßig den Rosenkranz, der ihr Leben im Zusammenhang mit dem ihres Sohnes betrachtet, wir verehren sie als Mutter, als Königin, als Frau aller Völker, ich könnte jetzt die ganze lauretanische Litanei aufzählen. Kennen wir sie auch als Jüdin, als wahre Tochter Israels?

Viele Dinge aus dem Leben Marias sind im Laufe der Geschichte ausgeschmückt worden, viele unserer Vorstellungen über Maria sind durch Quellen geprägt, die erst viele Jahrhunderte nach den historischen Ereignissen niedergeschrieben wurden und deren Wahrheitsgehalt wir oft nicht mehr historisch überprüfen können. Eines aber wissen wir absolut sicher: Daß Maria eine Jüdin war. Vielleicht dürfen wir sogar sagen: nicht nur "eine Jüdin" sondern "die Jüdin", "die Tochter Zion", "der Sproß aus der Wurzel Jesse (vgl. Es ist ein Ros entsprungen)".

Was kann uns nun das Judentum über Maria sagen?

Fragen wir uns zunächst nach der Stellung der Frau im Judentum.

Die Frau im Judentum: Rabbi Elasar sagte: Jeder Mensch, der keine Frau hat, ist eigentlich kein Mensch, denn es heißt: Männlich und weiblich erschuf er sie... und rief ihren Namen: Mensch. (babylonischer Talmud, Traktat Jebamot 63a)

Und Rabbi Chelbo sagte: immerdar sei ein Mensch auf die Ehrung seiner Frau bedacht, denn nur um seiner Frau willen waltet Segen im Haus eines Menschen, denn es heißt: Und er tat Abram Gutes ihretwegen. (babylonischer Talmud, Traktat Baba mezia 59a)

Die Berufung der Frau ist in Israel schon bei der Schöpfung grundgelegt. Im Buch Genesis Heißt es:" Als Mann und Frau schuf er sie."(Gen 1,27) Für die jüdische Tradition ist schon im Wort Frau bzw Mann alles grundgelegt. Die beiden Worte klingen im Hebräischen ähnlich, haben aber auch bezeichnende Unterschiede. Frau heißt hebr. ISCHAH, Mann ISCH. Jedes der beiden Wörter besteht aus drei Buchstaben, zwei Buchstaben sind in beiden gleicherweise vorhanden: aleph und he. Je ein Buchstabe ist den jeweiligen Wörtern eigen. Im Wort Frau das he, im Wort Mann das jod.

Beide Buchstaben sind auch im Gottesnamen JHWH enthalten, jod und he sind geradezu die Kurzform des Gottesnamens. Für das Judentum bedeutet dies: Mann und Frau sind Abbild Gottes, je auf ihre Weise. Nun haben die Buchstaben selbst im Judentum auch jeder eine spezifische Bedeutung: Der Buchstabe jod z. B. der im Mann enthalten ist, bedeutet "Hand", der Buchstabe he der Frau bedeutet "Fenster". Der Mann hat die Berufung "Hand" zu sein, d.h. seine Familie nach außen zu schützen, zu vertreten, sie zu versorgen mit materiellen Gütern...

Die Frau hat die Berufung "Fenster" zu sein.

Diese Bezeichnung hat eine dreifache Ausfaltung in der Berufung der Frau: Nidda, Challa, Entzündung der Schabbatlichter.

Nur der Mann ist im Judentum verpflichtet, Gebote zu erfüllen, die an eine bestimmte Zeit gebunden sind, Frauen sind von vielen Geboten befreit.

Bei drei Geboten aber trifft dies nicht zu, drei Gebote sind besonders oder nur der Frau auferlegt und gerade diese drei sind es, die uns in die Berufung der Frau in Israel und damit in die besondere Berufung Mariens.

1. Nidda:

Die Frau ist berufen, Fenster zu sein: das Fenster muß zunächst einmal sauber sein: Die Frau ist zu einer besonderen Reinheit verpflichtet. Reinheit meint im Judentum immer eine kultische Reinheit auch dann wenn sie mit Wasser erlangt wird.

Die Frau ist verpflichtet sich nach ihrer Menstruation und zwar genau 5 Tage nach dem Beginn des Blutflusses in einem Ritualbad ganz unterzutauchen und zu reinigen. Reinheit hat zu tun mit Heiligkeit, mit dem Gebot Gottes: Seid heilig, denn ich, euer Gott bin heilig. Unreinheit hindert das Wirken Gottes, vor allem die Erlösung. Unreinheit hindert das Kommen des Messias. Die Essener, eine jüdische Gruppe die das Kommen des Messias sehr sehnsüchtig erwarteten z. Zt. Jesu, bereiteten sich auf das Kommen des Erlösers insbesondere durch rituelle Reinheit vor. In ihrer klösterlichen Siedlung in der Wüste Juda übten sie umfangreiche Waschungen um so das Kommen des Messias zu beschleunigen.

Wenn nun in Maria der Messias gekommen ist, ist es vom jüdischen Denken her selbstverständlich, daß in ihr eine vollkommene Reinheit gegeben war, daß sie schon vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an - wie die Kirche lehrt - ohne Makel der Erbschuld, ohne jede Unreinheit war. D.h. daß es Maria eigentlich nicht nötig gehabt hätte, die Nidda zu vollziehen - ich nehme aber an, daß sie es in Gehorsam gegenüber dem Gesetz selbstverständlich getan hat.

Die Berufung der Frau berührt nicht nur ihre eigene Reinheit, im Judentum ist die Frau auch für die Reinheit und auch für die Keuschheit der ihren zuständig. Durch eine koschere Küche z.B. - die umfangreiche Kenntnisse im jüdischen Religionsgesetz erfordert - ermöglicht sie ihrer Familie in Heiligkeit(Reinheit) zu leben. Nun ich denke, daß Maria bis heute für ihre Kinder - nun das sind wir - koscher kocht: sie nährt uns mit dem, was uns zur Heiligkeit dient - ihre Berufung ist es geradezu uns zur Heiligkeit zu führen.

Die Frau schützt auch in besonderer Weise die Keuschheit ihres Mannes. Das Judentum weiß um die Versuchungen gerade auch zum Ehebruch und zur Unzucht und sieht gerade in der Frau die Berufung die Ehe von innen zu schützen - während der Mann mehr für den äußeren Schutz seiner Familie verantwortlich ist.

2. Challa

Mit Challa bezeichnete man in Israel zunächst die Schaubrote die im Tempel vor das Angesicht Gottes auf zwei Schaubrottische aufgelegt wurden. Sie erinnerten an die 12 Stämme Israels und wurden an jedem Sabbat erneuert. Mit der Zerstörung des Tempels gab es natürlich diese nicht mehr und schon zuvor wurden auch die Sabbatbrote als Challot bezeichnet. Heute noch muß von jedem Sabbatbrot ein kleines Stückchen Teig verbrannt werden. Die Challot im Tempel wurden nämlich von den Abgaben der Israeliten hergestellt, da aber die Abgabe heute nicht mehr entrichtet werden kann, wird sie verbrannt. Die Frau ist verpflichtet einmal die Challot für den Schabbat zu backen, und dieses Teigstückchen auf dem Herd zu verbrennen.

Sie hat dabei priesterliche Funktionen übernommen. Sie opfert. Sie hat nach jüdischer Anschauung priesterliches Wesen.

Kehren wir zurück zum Fenster, zum Buchstaben HE. Das Fenster ist dann voll in seiner Berufung wenn es durchlässig ist für das Licht. Das Fenster dient. Es ist nicht aktiv, es ist passiv - leidend. Sie steht an der Stelle des opfernden Priesters des ersten Bundes, weil sie es jetzt ist die die Barmherzigkeit Gottes offenbart: Das HE im Namen Gottes kommt gleich zweimal vor, es steht in der jüdischen Tradition für seine Barmherzigkeit, die größer ist als seine Gerechtigkeit, das JOD in seinem Namen.

Die Frau ist im Judentum diejenige, die die Barmherzigkeit Gottes durchläßt: das genau ist priesterliche Funktion: Das Opfer des Priesters vermittelt die Barmherzigkeit Gottes an das Volk. Die Frau ist es jetzt besonders nach dem Ende des Tempels die diese Funktion übernimmt. Das Wort Barmherzigkeit ist ohnehin im Hebräischen zutiefst mit der Frau verbunden RACHAMIM kommt von RECHEM Mutterschoß: Barmherzigkeit und Mütterlichkeit sind engstens miteinander verbunden.

Hier können wir sehr schön die Parallele zu Maria ziehen: Maria ist die Mutter der Barmherzigkeit. Als Mutter hat sie priesterliche Funktion für ihre Kinder, für ihre Familie: Sie vermittelt wie einst der Priester am Tempel die Barmherzigkeit Gottes, sie ist, wie wir sie nennen die Mittlerin aller Gnaden.

3. Die Entzündung der Schabbatlichter

Das Fenster ist dazu da, um Licht hereinzulassen, die Berufung der Frau ist es, das Licht zu entzünden. Am Freitagabend kurz vor der Schabbat beginnt, entzündet sie die Schabbatlichter. Mit der Entzündung beginnt für sie der Schabbat. Der Mann ist zu dieser Zeit in der Synagoge, die Frau (bzw. die Frauen) sind allein zu Hause. Wenn sie nicht entzündet, bleibt es im Haus dunkel, der Schabbat kann dann in diesem Haus nicht gefeiert werden, der Jude wäre gezwungen, beim Nachbarn betteln zu gehen und bei ihm Schabbat zu feiern.

Was bedeutet dies?

Die Frau entzündet das Licht des Glaubens in den Herzen der ihren - entzündet sie nicht, bleibt es dunkel.

Sie ist berufen den Herzensglauben zu entzünden, und nur dieser Glaube bringt den Schabbat - die Erlösung, den Frieden, nur dieser Glaube bereitet das Kommen des Messias vor.

Entdecken wir da nicht schon wieder Maria, ist nicht sie es, die das Licht des Glaubens in unseren Herzen entzündet? Maria hat das Licht der Welt geboren, sie ist die Mutter des Lichtes, die Morgenröte, die den Aufgang der Sonne ankündigt....

Ich möchte mit einem Satz aus dem Talmud schließen:

"Die Frau hat mehr Verstand zugeteilt bekommen als der Mann" (Nidda 45 b) : Maria ist diese jüdische Frau, der Sitz der Weisheit - und es ist schön, in ihre Schule zu gehen, in ihre Jeschiwa, und zu lernen - Mann und Frau.