Die jüdische Herkunft der hl. Teresa von Avila

von P. Elias Friedmann OCD

Es gilt heute als erwiesen, dass die hl. Teresa von Avila die Tochter eines Judäo-Konvertiten namens Alonso war. Dessen Vater war Juan Sanchez, ein wohlhabender jüdischer Geschäftsmann in der Bekleidungsbranche, einer damals unter den spanischen Juden sehr verbreiteten Beschäftigung.

1482 wurden die Güter seines älteren Bruders von der Inquisition eingezogen, vermutlich weil er wieder abgefallen war und sich weigerte zu widerrufen.

Sein jüngerer Bruder war Diego Garcia, daneben gab es zwei Schwestern, Catalina Garcia und Inez von Toledo.

Die Familie stammte aus Toledo, das vor der Vertreibung im Jahre 1492 Heimat einer großen jüdischen Gemeinde war. Viele von ihnen bekehrten sich zum Katholizismus, darunter auch Juan Sanchez selbst. Er fiel ab und praktizierte heimlich den jüdischen Glauben.

Es gab sehr viele solcher sogenannter Krypto-Juden, einige stiegen in hohe kirchliche Ämter auf und stellten so die Gültigkeit der Sakramente in Frage, die sie empfängen hatten. Um das Problem zu lösen, wurden die Juden 1492 des Landes verwiesen, mit der Begründung, ihre Anwesenheit bringe die Konvertiten zum Abfall.

Ein weiterer Grund war politischer Art; Ferdinand und Isabella wollten eine gleichförrnige Gesellschaft schaffen.

Bestrafung

Im Jahr 1485, sieben Jahre vor der Vertreibung, drang die Inquisition bis Toledo vor und forderte die Krypto-Juden auf zu widerrufen, mit dem Versprechen, die Bestrafung zu mildern, wenn sie sich darauf einließen. Juan Sanchez trat vor und bekannte seinen Abfall.

Zur Strafe mußte er ein gelbes Gewand, das sogenannte Sanbenito, anziehen und an sieben Freitagen nacheinander durch die Stadt gehen, wobei er den Beschimpfungen der Bevölkerung ausgesetzt war. Er wurde von seinen drei Söhnen begleitet, darunter Alonso, dem Vater der künftigen Heiligen. Er war etwa zehn Jahre alt, als er an der Demütigung seiner Familie teilnahm.

Um der öffentlichen Schande zu entgehen, zog Juan Sanchez 1493 nach Avila um, wo er im alten jüdischen Viertel von einem Verwandten ein Haus kaufte. Dort sollte Teresa geboren werden.

Alonso sollte zu einem eifrigen Katholiken heranwachsen, bemühte sich jedoch aufs äußerste, seinen jüdischen Hintergrund zu verbergen und erfand sogar eine nicht-jüdische Abstammung. Er ging so weit, dass er seinen Kleiderhandel aufgab, wodurch er und seine Familie arm wurden. Geschichtswissenschaftler machten sich seine Darstellung der Dinge zu eigen und stellten Teresa als eine vorbildliche nicht-jüdische Katholikin vor. Heute weiß man, dass das nicht stimmt.

Die Judäo-Konvertiten, von denen es Tausende gab, bildeten eine eigene Gesellschaft in der Gesellschaft. Sie unterhielten starke Famillienbande, die so kennzeichnend noch für die heutige jüdische Gesellschaft sind. Sie waren stolz, zum auserwählten Volk zu gehören. Einige behielten jüdische Gebetbücher bei und beobachteten Kaschrut , unter besonderer Vermeidung von Schweinefleisch.

Ihre Schwierigkeit bestand in der Inkulturierung. Kürzlich hat der Heilige Stuhl ein Schreiben veröffentlicht, in dem er anerkennt, dass bei einer Konversion die Kultur des Konvertiten in Betracht gezogen werden müsse. Das war zur Zeit der hl. Teresa nicht der Fall, wo die Geistlichen auf der Anpassung der Konvertiten bestanden.

Teresas Mutter Beatriz gehörte zu einer wohlhabenden ländlichen Familie. Sie war die Witwe des Johann von Ahumada. Es wird angenommen, dass sie einer Familie von JudäoKonvertiten entstammte, da die Judäo-Konvertiten üblicherweise untereinander heirateten, wie die Juden heute noch.

Teresa war sich ihrer jüdischen Abstammung bewußt, wenn sie darüber auch nie sprach. Ihr Schweigen ist verständlich, da die Judäo-Konvertiten trotz ihrer Bekehrung von der nichtjüdischen spanischen Gesellschaft schwer benachteiligt wurden.

Teresa hat Br. Gratian nie die Frage nach ihrer familiären Herkunft gestattet. Es war unter den Judäo-Konvertiten ein Grundsatz, nicht über ihre jüdische Vergangenheit zu sprechen.

Nur wenige Orden gewährten ihnen Zugang. Die Karmeliten waren zunächst eine Ausnahme, gingen nach Teresas Tod jedoch allgemein dazu über. Ein Autor behauptet, dass fast alle Nonnen von St. Joseph, Teresas erster Gründung, "unreinen Geblüts", also jüdischen Ursprungs, gewesen seien. Man kann Teresas Weigerung verstehen, die Zulassung zu ihren Häusern von der Abstammung abhängig zu machen.

Teresas Entscheidung für den Karmeliterorden ist teilweise aus dessen Tradition zu. erklären, sich ohne Unterbrechung auf die Zeit von Elias und Elischa zu berufen, auf diese beiden wird die Gründung des Ordens in Palästina auf dem Berg Karmel zurückgeführt. Elias wurde von den Juden als Hüter ihrer mystischen Tradition verehrt, von den Christen als Vorbild christlicher und karmelitischer Spiritualität. Ihre Verehrung der Menschheit Jesu und für Maria und den heiligen Joseph bekommt einen neuen Stellenwert, wenn man bedenkt, dass alle drei Israeliten waren. Das erleichterte ihr, die ununterbrochene Verbindung zwischen dem alten und dem neuen Testament zu sehen.

Nicht immer wurde Teresas Bemerkung, sie sei eine "Tochter der Kirche", ganz verstanden. Sie wollte damit sagen, dass ihre Herkunft keine Bedeutung hatte: im letzten war sie Tochter der Kirche.

Professor G.A. Davies erkennt in Teresas Schriften einen jüdischen Hintergrund, vor allem in der "Inneren Burg", die als eine Burg mit sieben Räumen vorgestellt wird, ein Bild, das als Rahmen für die Beschreibung der Seelenreise auf der Suche nach der Vereinigung mit Gott dient. Dasselbe Bild findet sich im Sohar, dem klassischen Buch der jüdischen Mystik. Das Sohar ist eine uneinheitliche Sammlung von Schriften, die zumeist von dem jüdischen Rabbi Moses de Leon stammen, er ließ sich im 13. Jahrhundert in Avila nieder, das sich dann zum Mittelpunkt der spanischen Kabbalah entwickelte.

Der Gottesschau entgegen

Ein Abschnitt des Sohar heißt Hekalot oder Wohnungen. Er beschreibt sieben Kammern gleich sieben ineinandersteckenden Schachteln, durch die ein Mystiker gehen muß, um zur Schau des Thrones Gottes zu gelangen. Engel bewachen die Türen von der einen zur nächsten, außer der sechsten, die keine Tür zur siebten hat. Der Schauende erbittet sich ein magisches Siegel, um durch die Türen gehen zu können. Der Durchlass der sechsten ist besonders herausfordernd und gefährlich, Anlass zu schweren Prüfungen und gegebenenfalls sogar todbringend.

Gottes Thron in der siebten Kammer ist aus Kristall, wie ein Diamant, Feuer und Licht strömen von im aus und erleuchten alle die Kammern. Das Ende der Seelenreise ist die liebende Vereinigung mit Gott, versinnbildlicht durch den Liebeskuss, der die Seele unter Umständen vom Leib trennen und daher tödlich sein kann.

Prof. Davies versichert, dass die Parallelen zwischen dem Sohar und der "Inneren Burg" ein Beleg dafür sind, dass Teresa sich dieser Lehre bewußt gewesen sein muß. Zwar würde niemand behaupten, dass sie das Sohar je gelesen hätte, das größtenteils auf Aramäisch geschrieben ist, dessen Lehre war jedoch in den Kreisen der Juden und der Judäo-Konvertiten volkstümlich geworden und wurde in der Familie mündlich weitergegeben. Prof. Davies schließt, dass Teresa Teile davon aus den Kreisen der Judäo-Konvertiten übernahm, in denen sie erzogen worden war. Sicher ist, dass sie mit der mystischen Literatur der Juden nicht unmittelbar in Berührung gekommen ist.

Aus der südafrikanischen Sonntagszeitung Southern Cross vom 27. Nov. 1994