Ansprache von Premierminister Ehud Barak in Yad Vashem

Jerusalem, 23. März 2000

Eure Heiligkeit, Papst Johannes Paul II,

Erlauben sie mir mit ein paar Wörtern in unserer Sprache zu beginnen – in der Sprache  Abrahams, Moses und des Bundes, die wieder die Landessprache im Lande Israel geworden ist.

[Hebräisch: Ein 2.000 Jahre alter historischer Zirkel kehrt hier zu seinem Anfangspunkt zurück, mit dem Gewicht der Erinnerung – seines Reichtums und Schmerz, seines Lichtes und Schatten, seiner Lieder und Trauerlieder. Die Wunden der Zeit werden nicht an einem Tag geheilt werden, aber der Weg der Sie herbrachte führt zu einem neuen Horizont. Diese Stunde wird als günstige Stunde in die Geschichte eingehen, ein Moment der Wahrheit, des Sieges von Gerechtigkeit und Hoffnung.]

Eure Heiligkeit,

 im Namen des Jüdischen Volkes, im Namen des Staates Israel und aller seiner Bürger - Christen, Moslems, Drusen und Juden - heiße ich Sie in Freundschaft, in Brüderlichkeit und im Frieden  willkommen, hier in Jerusalem, der Hauptstadt Israels, der ewigen Stadt des Glaubens.

Eure Heiligkeit,

Wir sind heute hier zusammengekommen in diesem Heiligtum der Erinnerung für das Jüdische Volk und für die gesamte Menschheit. Yad Vashem - wörtlich "Ein Platz und ein Name" – steht für die sechs Millionen unserer Schwestern und Brüder, für anderthalb Millionen Kinder, Opfer des barbarisch Bösen des Nationalsozialismus.

Als sich die Finsternis des Nationalsozialismus herabsenkte, und mein Volk aus dem gesamten  christlichen Europa in die Gaskammern und Krematorien getrieben wurde, sah es so aus, als könne man keinerlei Hoffnung mehr auf Gott oder die Menschen setzen. Es sah - um mit den Worten des Propheten Joel zu sprechen - so aus, "dass Sonne und Mond sich verfinsterten, und die Sterne ihren Glanz entzogen." Während dieser Zeit schrieb hier im Lande Israels der Dichter Nathan Alterman folgende brennende und gepeinigten Verse:

"Als unsere Kinder unter dem Galgen schrieen, vernahmen wir nicht den Zorn der Welt..."

Eure Heiligkeit,

 aus der Tiefe der "langen Nacht der Shoah," wie Sie es genannt haben, sahen wir Hoffnungsfunken, die sich wie Leuchtfeuer gegen die tiefe Finsternis abhoben, welche sie umgab.  Dies waren die Gerechten unter den Völkern, zumeist Kinder Ihres Glaubens, die im geheimen ihr Leben aufs Spiel setzen, um die Leben anderer zu retten. Ihre Namen sind eingeschrieben in den Wänden, die uns hier in Yad Vashem umgeben; sie sind für immer eingeschrieben in die Gedenktafeln unserer Herzen.

Sie, Eure Heiligkeit, waren ein junger Zeuge dieser Tragödie. Und wie Sie an Ihren jüdischen Jugendfreund geschrieben haben, kam es Ihnen so vor, als würde das Schicksal der polnischen Juden Ihnen selbst widerfahren. Als meine Großeltern, Elka und Shmuel Godin, am sogenannten "Umschlagplatz" nahe ihrem Haus in Warschau die Todeszüge bestiegen, als sie ihrem Schicksal in Treblinka entgegenfuhren - dem Schicksal von drei Millionen Juden aus Ihrem Heimatland - da waren Sie, und Sie erinnerten sich daran.

Sie haben sich mehr als irgend jemand sonst dafür eingesetzt, den historischen Richtungswechsel in der Haltung der Kirche gegenüber den Juden herbeizuführen, der einst vom verehrten Papst Johannes XXIII. angestoßen wurde, und dafür, die klaffenden Wunden zu bedecken, die über viele bittere Jahrhunderte hinweg schwärten.

Und ich denke, Eure Heiligkeit, dass ich sagen kann, dass Ihr Kommen heute, hier zur Halle der Erinnerung in Yad Vashem, einen Höhepunkt dieser historischen Reise der Heilung darstellt. Hier, in diesem Moment, ist die Zeit selbst zum Stillstand gekommen ... - eben dieser Moment trägt in sich 2000 Jahre der Geschichte. Und ihr Gewicht wiegt beinahe zu schwer, um es zu tragen.

 Kurz bevor Sie sich auf die Wallfahrt hierher begeben haben, hissten Sie die Flagge der Brüderlichkeit auf Vollmast, indem Sie in die Kirchenliturgie eine Bitte um Vergebung einschlossen  für die Untaten, welche die Anhänger Ihres Glaubens gegen andere, besonders gegen das jüdische Volk begangen haben.

Wir begrüßen diesen noblen Akt aus tiefstem Herzen.

 Selbstverständlich ist es unmöglich, all die Qualen der Vergangenheit über Nacht zu überwinden. Eure Heiligkeit hat immer wieder Probleme bezüglich der christlichen Beziehungen zu den Juden  aufgegriffen. Es ist unser Wunsch, den produktiven Dialog zu dieser Thematik fortzusetzen und zusammenzuarbeiten, um die Geißel des Rassismus und des Antisemitismus zu beseitigen.

 Eure Heiligkeit, ich gehöre einem Volk an, welches sich erinnert. Wie niederdrückend die Last der Erinnerung auch sein mag, wir dürfen ihr nicht aus dem Weg gehen, den ohne Erinnerung kann weder die Kultur noch das Gewissen existieren.

Die Gründung des Staates Israel hat allen Hindernissen zum Trotz, und die Sammlung der Exilierten hat dem Jüdischen Volk nicht nur seine Ehre und das Geschick über sein eigenes Schicksal zurückgegeben; es ist die definitive, fortwährende Antwort auf Auschwitz. Wir sind nach Hause zurückgekehrt, und seit dies geschehen ist wird kein jüdischer Mensch jemals mehr ohne Hilfe bleiben oder des letzen Stückchens menschlicher Würde beraubt werden. Hier, in der Wiege der Menschheit, haben wir unsere Heimstätte wieder errichtet, auf dass sie in Frieden und Sicherheit gedeihe. Die Verteidigung unseres Staates hat einen hohen Tribut gefordert.

 Wir sind nun entschlossen, Wege zur historischen Versöhnung zu finden. Wir befinden uns in der Mitte einer immensen Anstrengung, um einen umfassenden Frieden mit unseren palästinensischen  Nachbarn, mit Syrien und dem Libanon und mit der gesamten arabischen Welt zu sichern.

Eure Heiligkeit,

mit Zustimmung haben wir Ihre Worte über die einzigartige Bindung des Jüdischen Volkes an  Jerusalem vernommen, dass, und hier zitiere ich Sie, "die Juden Jerusalem leidenschaftlich liebten ... von den Tagen Davids an, der es zu seiner Hauptstadt wählte, und von den Tagen Salomons an, der an diesem Ort den Tempel erbaute, und deshalb wenden sie sich jeden Tag in ihren Gebeten dorthin, und weisen darauf als das Symbol ihrer Nation."

 Ich möchte noch einmal unsere absolute Verpflichtung unterstreichen, alle Rechte und allen Besitz der Katholischen Kirche zu schützen ebenso wie auch die der anderen christlichen und der  moslemischen Einrichtungen; die Garantie von völliger Freiheit bezüglich der Gebetsausübung für Anhänger eines jeden Glaubens zu sichern und die wiedervereinigte Stadt Jerusalem für alle, die  sie lieben, offen und frei zu halten wie nie zuvor.

Ich weiß dass Sie, genau wie auch wir, für die Einheit und den Frieden Jerusalems beten:

 "Betet für den Frieden Jerusalems ... Friede walte innerhalb Deiner Mauern und Wohlstand in den Palästen, um meiner Geschwister und Freunde willen, verkünde ich nun: Friede sei mit Dir!"

Eure Heiligkeit,

Sie sind gekommen in der Mission der Brüderlichkeit, der Erinnerung und des Friedens.

Und wir entgegnen Ihnen:

Gesegnet seien Sie in Israel.