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Kommentar - Das Kreuz und die Nachfahren Abrahams
Die Reise des Papstes in das Heilige Land (Jordanien, Israel, Palästina) ist die
schwierigste Reise seines Pontifikates. Sie ist schwierig, weil in dem Land, wo alles begonnen hat und wo Gott den Menschen seine Güte geoffenbart hat, im Laufe der
Jahrhunderte Spaltungen zwischen Christen, Religionen, politischen Ereignissen und der Gewalt untereinander entstanden sind. Auf diese Weise ist der Kreuzweg
zwischen drei Kontinenten auch zu einer Art von Kreuz für drei Religionen – Christentum, Judentum, Islam – und zwei Völkern, dem jüdischen und dem
palästinensischen, geworden. Der junge König Abdallah II. von Jordanien hat in seinem Willkommensgruß an den Papst den Nahen Osten als ein Land bezeichnet, dass seit 40 Jahren nur
reich an einer Vergangenheit des Leides ist. Dieses Land hat die Form eines Kreuzes, ein Abgrund des Schmerzes, der die Völker, die hier leben, als einen gepeinigten Leib erscheinen lassen. Ein israelischer
Polizist erklärte mir, für ihn sei der Holocaust eine Realität der Gegenwart und nicht der Vergangenheit: sein Vater, der als er 7 Jahre alt war Haft und Folter erlebt hatte, litt im Alter an Symptome geistiger Verwirrung und
Panik und mußte deshalb in eine Psychatrische Klinik eingewiesen werden.
Ein kleines Stück weiter im Norden bitten die Bewohner des christlichen arabischen Dorfes Kafar-Birem seit 52
Jahren darum, in ihre von israelischen Soldaten besetzte Heimat zurückkehren zu dürfen. Diese Menschen kehren nur in das Dorf zurück um dort ihre Toten zu begraben, aber ihre Wohnungen befinden sich immer noch
im Besitz der israelischen Streitkräfte, obschon die israelische Regierung vor nunmehr 5 Jahren ihre Rechte anerkannt hat.
Die Reise des Papstes umarmt durch eine weise geführte Regie und ihre Inspiration an der Nächstenliebe jede
Art von Schmerz und alle betroffenen Völker: die Holocaust-Gedenkhalle Yad Vashem und das Flüchtlingslager von Deheisha; den israelischen Staatspräsidenten Weizman und den palästinensischen Präsidenten Arafat; die
Großrabbiner und die Großmuftis. Der Papst fordert einerseits das Ende des Antisemitismus in der christlichen Welt, andererseits bittet er jedoch auch um das Ende der Falschheit im Zusammenhang mit dem Christentum in
der jüdischen Welt. In Jerusalem versuchte der israelische Bürgermeister Ehud Omert, den Besuch für sich zu vereinnahmen, indem er dem Papst mit Vertretern des Judentums umgab und die anderen Gäste vor den
Fernsehkameras der ganzen Welt versteckt hielt. Am Abend wollte der Papst auch den palästinensischen Vertretern der Stadt begegnen, um der Berufung der Heiligen Stadt und seiner eigenen als Vater aller, gerecht zu werden.
Frieden und Gerechtigkeit als Öffnung, Respekt und Schutz der Menschenrechte; ein für alle anerkanntes
Vaterland; Jerusalem als Stadt des Zusammenlebens; Ende des Antisemitismus: dies sind die Voraussetzungen zum Frieden, um die der Papst alle Völker im Nahen Osten bittet, damit aus Worten und Wünschen Wirklichkeit werden kann.
Papst Johannes Paul II. ist der Überzeugung, dass es für den Frieden der Zusammenarbeit zwischen allen
Nachfahren Abrahams bedarf. Sein bescheidener Besuch bei den Muftis und den Obersten Rabbinern; sein Gebet mit den Vertretern der Religionen, sein Besuch der Klagemauer, der Felskuppel und des Heiligen
Grabes ist ein Gebet und ein Flehen darum, dass die drei Religionen am Aufbau des Friedens und des Zusammenlebens beteiligt sein mögen. Die Gesten des Papstes sollen jene in ihrem Tun bestärken, die sich
unter Christen, Juden und Muslimen bereits für die Reinigung der Religionen von einer zu engen Verbindung mit Politik, wirtschaftlichen Interessen und der auf die Eliminierung anderer abzielenden Gewalt einsetzen.
Doch der Besuch des Papstes im heiligen Land soll auch die Christen bestärken, sich nicht von dem Mangel an
Hoffnung und von der Emigration versuchen zu lassen. Im Unterschied zu so manchem religiösem Tourismus hat sich der Papst als Pilger nicht nur an den Orten des Glaubens aufgehalten: sein Weg hat ihn auch zu den Zeugen
des Glaubens geführt. Sie sind es, die Christen, die das Heilige Land zu einem Ort des lebendigen Glaubens machen und es nicht zu einem Museum werden lassen; sie sind die Hauptakteure im Friedensprozess und die
wahren Zeichen des Friedens.
Der Blick des Papstes vom Gipfel der Berg Nebo, von wo aus auch Moses das gelobte Land gesehen hat,
ohne es zu betreten, könnte etwas Melancholisches haben: doch die Christen im Heiligen Land, die sich für ein friedliches Zusammenleben einsetzen, bringen die Prophezeiung vom Frieden, den der Papst für die
Nachfahren Abrahams erfleht, etwas näher.
Bernardo Cervellera
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