Interview mit Prof. Mussah Darwish, PR-Direktor der Universität Bethlehem

Der Papst wird die Auswanderung junger Menschen einzuschränken helfen

Bethlehem (Fides) – Der 64jährige  Professor Mussah Darwish ist für die Öffentlichkeitsarbeit der Universität Bethlehem verantwortlich. Diese Universität wurde im Jahr 1964 gegründet, als ein anderer Papst, Paul VI. das Heilige Land besuchte. Sie wurde von der Kirche gewünscht, um jungen Palästinensern, die oft von israelischen Universitäten ausgeschlossen blieben., Möglichkeit zum Studium und zur Arbeit zu geben. Gegenwärtig sind 2.000 Studenten eingeschrieben (65% Muslime und 35%  Christen), über 60% der Studenten sind Frauen. Mit Professor Darwish, selbst Muslim, sprach Fides über die bevorstehende Reise des Papstes in das Heilige Land.

Wie erwarten die Muslime den Papst?

Dieser Papstbesuch ist nicht nur für die Christen gedacht, sondern auch für die Palästinenser und diese sind Christen und Muslime. Die Palästinenser sind ein einziges Volk. Und wenn sich unsere christlichen Brüder über dieses Ereignis  freuen, so freuen auch wir Muslime uns. Ich persönlich freue mich darüber, dass die größte Figur des Christentums und vielleicht die größte religiöse Figur uns besucht. Gewiss hat dieser Besuch spirituellen Charakter, doch er  enthält auch einen humanitären Aspekt gegenüber der hier lebenden Bevölkerung. Im Koran steht geschrieben “Gott hat die Menschen geschaffen, damit diese unter einander zusammenarbeiten und nicht damit sie sich gegenseitig  bekämpfen". Jede Religion hebt die Beziehung zu Gott hervor, aber auch den Dienst am Menschen. Und der Papst kommt auch wegen dieser Aufmerksamkeit gegenüber den Menschen dieses Landes.

 Wie beurteilen Sie persönlich diesen Besuch?

Es hat mich besonders beeindruckt, dass der Papst für die Kreuzzüge um Vergebung gebeten hat. Er hat anerkannt, dass sich hinter diesen Kriegen auch andere Motive als nur  religiöse verbargen. Ich hoffe, dass Israel sich ein Beispiel daran nehmen wird und früher oder später Gott für das Leid um Vergebung bitten wird, das es uns seit 1948 zugefügt hat. Wenn der Papst das Flüchtlingslager in Deheisha besuchen wird, wird er sehen, wie sehr unser Volk während der letzten 40 Jahre gelitten hat.

Wird der Papstbesuch auch politische Folgen haben?

Der Besuch hat vor allem spirituellen Charakter. Wir schätzen diesen 80jährigen Mann sehr dafür, dass er uns auf den Spuren Jesu besucht. Die Studenten der Universität Bethlehem, Christen und Muslime, bereiten sich auf die Teilnahme an den Papstmessen in Nazareth und Korazin vor. Gewiss wird sich der Besuch auch auf die Politik auswirken. Unsere palästinensischen Behörden, die ihn mit großer Freude erwarten, freuen sich sehr über die Unterstützung des Heiligen Stuhls für die palästinensischen Behörden. In den israelischen Reihen gibt es auch kritische Stimmen; der Bürgermeister von Jerusalem sieht dem Besuch weiterhin mit Vorbehalt entgegen. Doch meines Erachtens stehen wir alle hinter dem Papst und wir werden keine politischen Interferenzen dulden,  denn der Papst engagiert sich für den Menschen.

Wird der Papstbesuch auf die Opposition der Fundamentalisten stoßen?

Nein. Ich glaube der Besuch wird dem Frieden förderlich sein. Ich habe nichts davon gehört, dass muslimische Fundamentalisten etwas gegen den Besuch haben. Wir Muslime sind Volk des Buches und respektieren eure Religion. Hier an der Universität hat keiner der muslimischen Studenten jemals Kritik am Papst geübt. Der Besuch in  Ägypten hat den Menschen gezeigt, wie ein muslimisches Volk den Papst empfängt. Ich glaube, dass ihr Katholiken oft sagt: “Wenn du den Frieden willst, dann säe Gerechtigkeit aus". Ich glaube, dass die Präsenz des Papstes  zumindest die Ungerechtigkeiten entlarven wird.

Wie sieht das Leben an der Universität aus?

Die Universität lehrt insbesondere das Zusammenleben. Hier leben Christen und Muslime zusammen als Brüder mit denselben  Rechten. Gewiss, es kommt hier und da zu Reibungen, doch es handelt sich nicht um muslimisch-christliche Konflikte, sondern um Reibungen zwischen dem muslimischen Mussah und dem christlichen George.

An der Universität findet auch die Förderung der Frau statt, was für den Nahen Osten eine wichtige Tatsache ist. 65% unserer Studenten sind Frauen. Auch dem Lehrkörper, der sich zu 92% aus palästinensischen Professoren und zu 8% aus ausländischen Ordensleuten zusammensetzt, gehören Frauen an. Die jungen Menschen schätzen das, was der Vatikan für die Universität getan hat und immer noch tut. An unserer Universität haben bis heute rund 61.000 Studenten akademische Grade erworben. Dies bedeutet auch, das damit Arbeitsmöglichkeiten zum Unterhalt von mindestens 6.000 Familien geschaffen wurden.

Welches Problem ist für die jungen Palästinenser am dringlichsten?

Die Auswanderung. Die Menschen finden hier keine Arbeit und wandern aus. Oder sie arbeiten als Schwarzarbeiter in der Landwirtschaft oder als Handwerker. Wir versuchen die jungen Menschen in den Bereichen Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft und im Hotelfach auszubilden, damit sie hier Arbeit finden können. Wir wollen alles tun, damit Palästina und Jerusalem sich nicht entleeren. Jerusalem währe nicht Jerusalem ohne Christen: sie waren bereits vor den Israelis und vor den Muslimen  dort. Gott sei Dank ist nur ein kleiner Prozentsatz unserer Studenten nach dem Abschluß der Universität gezwungen in andere arabische Länder oder nach Europa auszuwandern.

Hätten Sie eine Bitte an den Heiligen Vater?

Als Papst Paul VI. uns im Jahr 1964 besuchte beschloss er die Universität Bethlehem zu gründen. Ich hoffe, dass Papst Johannes Paul II: bei seinem Besuch in Bethlehem den Bau eines Krankenhauses vorschlagen wird, den dies brauchen wir sehr dringend.(24/3/2000)